Adventskonzert 2018

Deutsch-französische Freundschaft

 

Charlotte Wieser, Cello
Orchesterverein Rüti
Leitung: David Schwarb

 

Samstag, 1. Dezember 2018, 20 Uhr - Reformierte Kirche Rüti

Sonntag, 2. Dezember 2018, 17 Uhr - Reformierte Kirche Rüti

 

Franz Schubert (1797-1828)
Ouvertüre zum Singspiel «Die Verschworenen» D 787

 

Robert Schumann (1810-1856)
Cellokonzert a-Moll op. 129

 

Charles Gounod (1818-1893)
Sinfonie Nr. 1 D-Dur

 

***

 

Deutschland und Frankreich – Gräben und Brücken

 

In Ernst Moritz Arndts Gedicht «Des Deutschen Vaterland» von 1813 steht der furchtbare Satz: «Jeder Franzmann heisset Feind». Eine deutsch-französische Freundschaft lag vor 200 Jahren in scheinbar unerreichbarer Ferne – das 19. Jahrhundert war eine dunkle Zeit in der Geschichte der deutsch-französischen Beziehung. Die Musik spielt in dieser Geschichte eine Nebenrolle. Trotzdem kann es erhellend sein, sie im Gegenlicht der nationalen Bipolarität zu betrachten. In diesem Programm zum Beispiel begegnen sich zwei Werke aus den 1850er Jahren, eins aus Deutschland, eins aus Frankreich. Sie klingen völlig verschieden – aber eins ist ihnen gemeinsam: Von einem deutsch-französischen Zwist wissen sie nichts.

 

Der französische Vertreter ist Charles Gounod. Als er mit 37 Jahren seine erste Sinfonie schreibt, stellt er sich quer zu jeder Mode. Das französische Publikum will Opern hören. Sinfonien? Eine unnötige deutsche Erfindung… Aber Gounod schert sich nicht um nationale Gräben. Was kümmert es ihn, dass sein Idol östlich des Rheins gelebt hat? Joseph Haydn! Er ist schon 40 Jahre tot. Aber Gounod mag das klassische Modell seiner Sinfonien mehr als die romantischen Erweiterungen von Schumann und Mendelssohn. Auch den intelligenten Witz von Haydns leichtfüssiger Musik liebt er. Und er schreibt eine Sinfonie in diesem Geist.

 

Kaum zu glauben, dass diese klassizistische Sinfonie fünf Jahre nach Robert Schumanns Cellokonzert entstanden ist, diesem Meisterwerk der (deutschen!) Romantik. Französische Einflüsse manifestieren sich hier nicht – zumindest nicht an der klanglichen Oberfläche. Aber vielleicht in einer ideellen Tiefe? Schumann zitiert in mehreren Werken die «Marseillaise», die Chiffre für ein neues Menschen- und Gesellschafts-Bild. Im Cellokonzert tut er das nicht – aber wenn, wie oft behauptet wird, ein Instrumentalkonzert das ideale Zusammenleben von Individuum und Gemeinwesen klanglich spiegelt: Lässt sich dieses Konzert dann nicht als (Selbst-)Porträt eines Menschen hören, der das Lied der Freiheit singt?

 

Eingeleitet wird diese Werkbegegnung durch eine unprätentiös-heitere Ouvertüre von Franz Schubert, die lange als verschollen galt und erst 1960 ins Musikleben zurückkehrte. Das Singspiel, zu dem diese Ouvertüre gehört, sollte zunächst den Titel «Die Verschworenen» bekommen. Doch das konnten die Wiener Zensurbehörden 1823 nicht tolerieren – nicht so kurz nach Napoleons Niederlage und der Wiederherstellung alter Ordnungen. Sie gaben dem inhaltlich unverdächtigen Stück den Zensurtitel «Der häusliche Krieg». Der Satz «Der Friede wäre viel besser gewesen für mich» durfte stehen bleiben – immerhin…