Sommerkonzert 2019

Walzer und andere Verbrechen


Aphrodisaxum Saxophon-Quartett
Orchesterverein Rüti
Leitung: David Schwarb

 

Samstag, 22. Juni 2019, 20 Uhr - Reformierte Kirche Wald

Sonntag, 23. Juni 2019, 20 Uhr - Reformierte Kirche Rüti

 

George Gershwin: By Strauss und Lullaby

Leroy Anderson: Plink, Plank, Plunk

Antonín Dvorák: Walzer A-Dur op. 54/1 und Nocturne H-Dur op. 40

 

Kurt Weill: Songs aus der Dreigroschenoper

(arr. Martin Schlumpf für Saxophon-Quartett und Streichorchester)

 

Jean Sibelius: Romanze op. 42 und Valse Triste op. 44/1

Johann und Josef Strauss: Pizzicato Polka

Toni Leutwiler: Berceuse op. 21 und Les joyeux violons op. 24


Vom Ernst der Leichtigkeit - Bemerkungen zum Programm

  

Fragt einen Wüstling, ob der Walzer sittlich schade: so wird er’s eifrig bejahen – und desto feuriger fortwalzen. So eröffnet der Schriftsteller Jean Paul im Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1820 seine Apologie des Walzer-Tanzens. Mit blitzender Ironie begegnet er der damals weit verbreiteten Meinung, die Walzer-Mode sei ein Verbrechen gegen die Sittlichkeit und den guten Geschmack. Jean Paul, der Meister des feinen Witzes: Er hätte seine Freude gehabt an diesem Programm. Nicht nur der vier Walzer wegen, um die herum es gebaut ist. Sondern auch, weil es mit vergnügtem Augenzwinkern die Grenze zwischen Leichtigkeit und Ernst verwischt. E-Musik und U-Musik? Tanzen sollen sie, eng umschlungen!

 

Und sie tanzen… Zwei Walzer von Meistern der musikalischen Unterhaltung stehen am Anfang und am Ende dieses Programms: George Gershwin verneigt sich am Broadway vor Walzerkönig Johann Strauss, und Toni Leutwiler, der einst so erfolgreiche Zürcher Musiker, Komponist und Arrangeur, verführt fröhliche Geigen zum Walzerwirbel. Dazwischen schliessen zwei gewichtige Spätromantiker die Leichtigkeit des Walzers ins Kraftfeld ihrer Originalität ein: Antonín Dvořák entwirft eine asymmetrische Walzer-Architektur, die er raffiniert hinter einer Schönklang-Fassade versteckt. Und Jean Sibelius verbindet in der Valse triste aus seiner Musik zum Schauspiel Kuolema (Der Tod) Walzerseligkeit und Drama.

 

Diese vier so grundverschiedenen Walzer sind eingebunden in eine Programmsymmetrie, die sich gleichsam wie eine Zwiebel von aussen nach innen erschälen lässt. Jedem Walzer ist zunächst ein Geschwister zur Seite gestellt – ein zweites, von einer mehr verinnerlichten Leidenschaftlichkeit genährtes Stück des gleichen Komponisten: Bei Gershwin und Leutwiler ist es ein Wiegenlied von liebevoller Zartheit, bei Dvořák und Sibelius ein Charakterstück von romantischer Expressivität. Jeweils zwei dieser Geschwister-Paare werden sodann zu einem Rahmenteil verbunden, getrennt jeweils nur durch ein witzig-glitzriges Pizzicato-Intermezzo.

 

 

Zuinnerst in dieser Programm-Zwiebel steckt Musik, die etwas brennt im Ohr – und doch ganz leicht verdaulich ist. Süffig und unterhaltend, gleichzeitig aber auch unbequem und bissig: All das ist sie, die Dreigroschenoper von Berthold Brecht und Kurt Weill. Ums Jahr 1930 traf das den Nerv der Zeit: Das Stück wurde innerhalb von fünf Jahren mehr als 10’000-mal aufgeführt. Der Schweizer Komponist und Saxophonist Martin Schlumpf hat sechs Songs aus diesem Welterfolg für vier Saxophone und Streichorchester bearbeitet – Hits wie Die Moritat von Mackie Messer tragen in diesem Arrangement ganz neue Zähne im Gesicht…

 

David Schwarb